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Ausprobieren, sich selber testen: Bei der internationalen Potenzialanalyse im Bildungszentrum BGE Aachen der Handwerkskammer lernten Flüchtlingsschüler in verschiedenen Übungen Tätigkeiten aus dem Handwerk kennen. Darüber hinaus ging es um die Ermittlung von Schlüsselkompetenzen und Teamfähigkeit. Fotos: Elmar Brandt

Handwerk live, auch ohne viel Sprache

Internationale Potenzialanalyse: Flüchtlingsschüler einer Hauptschule zeigen in der BGE Aachen ihre Talente

QualiTec GmbH

Aachen. Es war ein besonderer Tag für die Pädagogen der QualiTec GmbH, einem Tochterunternehmen der Handwerkskammer Aachen. Sie, die sonst Schüler der 8. Klassen betreuen, mit ihnen sprechen, sie sprechen hören und ihnen sofort verständlich erklären können, hatten im Bildungszentrum BGE Aachen eine Premiere. Sie hieß „Internationale Potenzialanalyse“. Gekommen war es dazu, weil die Gemeinschaftshauptschule (GHS) Aretzstraße in Aachen ihre Flüchtlingsschüler dafür angemeldet hatte. Die bisher gemeinsam gesammelten Erfahrungen bei der Potenzialanalyse sind sehr positiv, also wollten die Verantwortlichen auch bei den nach Deutschland gekommenen Kindern und Jugendlichen das Programm erproben. Und es funktionierte sehr gut – die Flüchtlinge waren bei den Aufgaben engagiert und hatten bei den Tätigkeiten Spaß.

Der Ablauf des Tages war klar vorgegeben: Nach einer Begrüßung und Einführung mussten die Teilnehmer bei den Aufgaben zunächst jeweils in Puzzlen die Schlüsselkompetenzen der Aufgaben mit entsprechenden Bildern herausarbeiten. Danach ging es in Teamübungen darum, mit Kreppband und Rinnen eine Pipeline zu bauen, durch die ein Tischtennnisball bis zum Ziel, einem Korb, rollen konnte – in einer anderen Übung musste mit Schere, Kleber und Papier ein Turm gebaut werden.

Bei der Einzelarbeit ging es um die Erledigung einer Aufgabe mit Seitenschneider, PVC-Aderleitungen, Abisolierzangen, Rundzangen und Schraubendrehern. Hierbei zeigten die Schüler großes Interesse und Einsatzbereitschaft.

Zwischendurch gab es immer eine kleine Pause, in der sich die Schüler entspannen und auf die nächste Aufgabe vorbereiten konnten. Mit drei zu erledigenden Aufgaben zwischen 8.30 und 14 Uhr war der Tag gut gefüllt, und den Teilnehmern wurde somit auch bewusst, dass Zeit bei der Arbeit eine wichtige Rolle spielt. Zum Abschluss der Potenzialanalyse gab es dann noch ein Abschluss-Feedback und Evaluationsbögen zur Bewertung des Tages.

Die Internationale Potenzialanalyse stellt nicht nur didaktisch ganz spezielle Forderungen, denn es gilt auch, sensibel mit den Jugendlichen, die alle ein anderes Schicksal erlebt haben, umzugehen. Die Mädchen und Jungen von der GHS Aretzstraße, die jetzt teilnahmen, kommen aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan, Eritrea und Guinea, aber auch aus Balkanstaaten, Rumänien und Griechenland. Sie alle hegen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, auf Integration, auf eine Perspektive. Die Potenzialanalyse ist ein Einstieg in die Berufsorientierung, und die ist grundsätzlich für alle Schüler wichtig, egal, wie lange sie schon in Deutschland sind.

Finanzielle Mittel
Das Berufsorientierungsprogramm (BOP) wird im Rahmen der Landesinitiative KAoA (Kein Abschluss ohne Anschluss) umgesetzt. Hintergrund der Berufsförderung innerhalb des Landeskonzepts ist das gemeinsame Ziel, Übergangsmaßnahmen systematisch aufeinander abzustimmen. So setzt das Bundesbildungsministerium bis zum Ende des Schuljahres 2015/2016 in Nordrhein-Westfalen insgesamt 11 Millionen Euro für das BOP ein, um das bestehende Landeskonzept KAoA zu ergänzen. Bei der Umsetzung wird das BOP an das Landeskonzept angepasst. Es besteht aus einer Potenzialanalyse, in der Jugendliche ihre berufsrelevanten Kompetenzen erkunden, und einer praktischen Berufsfelderkundung.

Das Berufsorientierungsprogramm beginnt in der 8. Klasse mit einer eintägigen Potenzialanalyse, um die individuellen Stärken und Interessen der Schülerinnen und Schüler zu ermitteln. Die Jugendlichen setzen sich dabei mit ihren „Talenten“, ihren schon erkennbaren Kompetenzen, aber auch den noch in ihnen „schlummernden“ Potenzialen auseinander. Auf diese Analyse folgt eine Nachbereitung in der Schule. Im persönlichen Gespräch mit der Schülerin beziehungsweise dem Schüler übergeben die Betreuer ein Zertifikat, das ihre Fähigkeiten und Kompetenzen widerspiegelt.

Für die Zukunft lernen: Unter Betreuung und Anleitung von Pädagogen und Lehrern gingen die Schüler die ihnen gestellten Aufgaben an.

Praktische Erfahrungen
Anschließend geht es zur Berufsfelderkundung: Drei Tage lang können die Jugendlichen unter Anleitung von Ausbildern praktische Erfahrungen in drei berufsspezifischen Werkstätten sammeln. Eine aussagekräftige Teilnahmebescheinigung gibt den Schülerinnen und Schülern am Ende Zeugnis, wie sie die praktische Berufsfelderkundung gemeistert haben.

Bei dem beschriebenen Programm kooperieren im Trägerverbund beo die QuaiTec GmbH der Handwerkskammer Aachen, Sozialwerk Aachener Christen, low-tec gemeinnützige Arbeitsmarktförderungsgesellschaft Düren mbH, IN VIA Aachen, Jugendberufshilfe der Stadt Aachen, Kolping-Bildungswerk Aachen und Verein für allgemeine und berufliche Weiterbildung. Sie alle haben weitreichende positive Erfahrungen mit der Abwicklung des Programms.

Der Trägerverbund beo arbeitet eng mit der kommunalen Koordinierungsstelle der Städteregion Aachen zusammen. Ihre Aufgaben sind unter anderem die Abstimmungen zwischen den Akteuren der Berufs- und Studienorientierung, der Übergangsangebote Schule-Beruf und der Berufsausbildung auf regionaler Ebene.

„Ganz wichtig ist die Sprache.“ Da sind sich Margit Keller, Diplom-Sozialpädagogin der QualiTec GmbH, und Lothar Grodde, Lehrer an der GHS Aretzstraße, einig. Denn die Sprache sei die Basis für einen späteren erfolgreichen Übergang von der Schule in den Beruf. Also müsste es in dem Bereich weitere intensive Angebote geben, damit die Jugendlichen aus fernen Ländern schnell ihre sprachlichen Fähigkeiten verbessern können.

So gibt es weiterhin einen großen Bildungs- und Betreuungsbedarf für die Flüchtlingsschüler. In der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Schulen und Trägern können nachhaltige Programme angewendet werden, um die Jugendlichen erfolgreich zu integrieren. Möglicherweise kommen sie dann schon bald zur Berufsfelderkundung, um einzelne Handwerke genauer kennenzulernen. Oder sie sind später so weit, dass sie ein Praktikum oder eine Lehre in einem Handwerksbetrieb angehen können.